kurz-krimi

Dieser Kurz-Krimi entstand nach einer Vorgabe, die eine befreundete Autorin machte. Sie hatte sie einer Tageszeitung entnommen:

IM HAMBURGER HAFENVIERTEL HAT EIN MANN AUTOS DEMOLIERT.
40 STÜCK.
ER HAT SIE MIT DEM GABELSTAPLER AUFGESPIESST.


Wie ich diese Vorgabe umsetzte, ob als Gedicht, Reportage oder Kurzgeschichte, war ganz mir überlassen. Lies, was daraus geworden ist:

40

Harry hatte sich gerade eine Zigarette angezündet, als es leise, aber bestimmt an seine Tür klopfte. Bedächtig nahm er die Reste seiner Mahlzeit vom Schreibtisch und stopfte das Plastikgeschirr mitsamt der Tüte vom Asia-Imbiss in die oberste Schublade. „Herein“, rief er dann, worauf die Tür sich öffnete und eine elegante Dame mittleren Alters eintrat. Ohne Zögern, die blauen Augen fest auf Harry gerichtet, setzte sie sich unaufgefordert ihm gegenüber auf den knarrenden Holzstuhl und zog ihre roten Kalbslederhandschuhe aus. „Nun“, begann sie „was haben Sie herausgefunden?“

Harry lehnte sich tiefer in seinen abgewetzten Ledersessel zurück und zog an seiner Zigarette. „Haben Sie den Fall gelöst? Wissen Sie, wer meinen Vater umgebracht hat?“, hakte die Dame nach. „Das weiß ich. Aber ich weiß nicht, ob Ihnen die Antwort schmecken wird, Frau Rottenheim.“

Die Dame, immer noch in hellem Sommermantel und mit einem übertrieben spitzen Hut auf ihrem blonden Kopf, wurde unter ihrem Make-up eine Spur bleicher, fing sich jedoch sofort wieder und forderte mit fester Stimme, er möge mit der Sprache nur herausrücken. „Haben Sie die restlichen 2.000 Euro dabei?“, fragte der Detektiv, anstatt ihr eine Antwort zu geben.„Natürlich“, erwiderte Frau Rottenheim und zog einen flachen Umschlag aus ihrer Handtasche. Als Harry danach greifen wollte, entzog sie ihn ihm jedoch rasch. „Sagen Sie mir die Wahrheit und das Geld gehört wie vereinbart Ihnen.“ Harry kniff seine Schweinsäuglein zusammen und musterte seine Klientin. Sie war großzügig, gewiss. Aber auch fordernd. Zu fordernd für eine Frau, wie er fand. „Sie mochten Ihren Vater nicht einmal besonders“, stellte er fest, „Warum also interessieren Sie sich so für die Umstände seines Todes? Die Pflegerin sagte mir, dass Sie ihn in den letzten vier Jahren nicht ein einziges Mal besucht haben“. Frau Rottenheim maß ihn mit einem kühlen Blick, „Das geht Sie nichts an. Ihr Auftrag war herauszufinden, wie mein Vater wirklich ums Leben gekommen ist. Ob jemand nachgeholfen hat.“ „Ich vermute“, entgegnete Harry, „dass die Lebensversicherung nur bei einem natürlichen Ableben Ihres Herrn Vater ausbezahlt wird?“

Seine Klientin biss sich auf die karmesinroten Lippen und nickte dann sichtlich widerstrebend. „Ihr Vater hatte vierzig Jahre an der Universität geforscht. Sein Spezialgebiet war die Numerologie, Zahlensymbolik also.“ „Erzählen Sie mir nicht, was ich schon weiß“, entgegnete ihm Frau Rottenheim, „Dafür bezahle ich Sie nicht.“ „Nun gut“, seufzte Harry und drückte seine Pall Mall in einem überquellenden Aschenbecher aus. „Hat es Sie nie interessiert, woran Ihr Vater genau forschte? Womit er sein Leben verbrachte? Was ihn umtrieb?“.

„Ich wüsste nicht, was Sie das angeht! Jetzt reden Sie schon. Was ist meinem Vater zugestoßen?“ Harry drehte sich in seinem Sessel um und griff eine Flasche Kräuterlikör, die auf einem Brett im Regal hinter ihm stand, „Auch einen?“ Doch Frau Rottenheim lehnte ab. „Ich gehe jetzt“, sagte sie und erhob sich. „Ihr Honorar können Sie sich abschminken!“ „Sachte, sachte“, beeilte sich Harry und kippte ein Gläschen Schnaps hinunter. „Würden Sie sich ein wenig für Ihre Mitmenschen interessieren, dann wären Sie nicht hier, dann wüssten Sie, was Ihrem Herrn Vater zugestoßen ist. Er ist mitnichten eines natürlichen Todes gestorben. Zumindest nicht in dem Sinne, den Sie und ich für natürlich halten.“ Frau Rottenheim ließ die Kritik unerwidert an sich abprallen, setzte sich jedoch wieder. „Mein Vater hat sich mit Zahlen beschäftigt.“ Harry grinste erfreut, „Genau! Und mit welcher Zahl insbesondere?“ Frau Rottenheim zuckte die Achseln. „Das ist doch nun wirklich egal.“ „Ist es nicht!“, donnerte der Detektiv und haute mit der Faust auf einen Stapel Papiere auf seinem Schreibtisch. Eine kleine Plastikgabel flog dabei auf und landete auf dem dreckigen Linoleumboden. Er raffte die Papiere zusammen, ordnete sie und zog eines heraus. „Vierzig Jahre zogen die Juden durch die Wüste, vierzig Tage dauerte die Sintflut und vierzig Tage ist die Zeitspanne zwischen Ostern und Himmelfahrt“, dozierte er. Frau Rottenheim zog spöttisch eine perfekte Augenbraue hoch. „Und?“ Aber Harry ließ sich nicht beirren. „Vierzig Wochen dauert eine Schwangerschaft, Ali Baba und die vierzig Räuber und unser Bundepräsident muss ein Mindestalter von vierzig Jahren haben.“ Die hochgezogene Augenbraue Frau Rottenheims war indes einer steilen Falte zwischen beiden Brauen gewichen. „Was soll der Unsinn?“ Ihre Stimme war nur mühsam beherrscht. Doch Harry ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. „Wie alt sind Sie? Lassen Sie mich raten? Vierzig?“, und ohne eine Antwort abzuwarten fragt er weiter, „Wie viele Geschwister haben Sie?“. Frau Rottenheim war nun doch aus dem Konzept gebracht und antwortete prompt „Drei“. „Das dachte ich mir“, stellte Harry zufrieden fest. „Also vier insgesamt.“ „Ich weiß nicht was…“ Frau Rottenheims Hand griff fahrig ins Leere. „Ihr Vater war besessen von der Zahl Vierzig. Wussten Sie das nicht?“ Die Hand fuhr nun an den geschminkten Mund und die Augen weiteten sich ungläubig. „Er war besessen von der Zahl Vierzig und davon, etwas Großes zu leisten“, präzisierte Harry.

Frau Rottenheim starrte ihn an, kein Laut drang über ihre halbgeöffneten Lippen. „Wie viele Chancen, etwas Großartiges zu leisten hatte Ihr Vater denn noch?“ Frau Rottenheim schüttelte leicht den Kopf. „Er hatte ja nicht einmal mehr vierzig Tage zu leben. Das hatte sein Arzt ihm jüngst mitgeteilt“, kostete die Situation aus. „Dies hier sind seine Aufzeichnungen.“ Er knallte ein ledergebundenes Buch auf den Schreibtisch. „Hier steht alles drin. Seine Forschungen, Philosophien und Überlegungen. Seien Sie nun, verzeihen Sie mir den Ausdruck, die eines alten Spinners oder nicht. Sie sind der Schlüssel zum Tod Ihres Vaters.“

Frau Rottenheim griff nach dem Buch und schlug es auf. Sie blätterte darin herum, hielt dann inne und sah Harry direkt an, „Erklären Sie, was Sie meinen!“ Harry ließ seine Stirn in seine Hand fallen, dann richtete er sich wieder auf und wiederholte langsam „Ihr Vater war besessen von der Zahl Vierzig und davon, etwas Großes zu schaffen.“ Frau Rottenheim wartete eine weitere Erklärung ab. „Hat er jemals etwas Großartiges geschaffen? Etwas, mit dem er der Nachwelt in Erinnerung bleiben wird?“ Das musste Frau Rottenheim auch nach längerem Nachdenken verneinen. „Also“, sagte Harry. „Lebensziel verfehlt, keine Chance das Ruder noch einmal herumzureißen und dann das“, er zog eine Ausgabe des Hamburger Kuriers aus einem Stapel Altpapier und hielt sie seiner Klientin hin. „Die Ausgabe von letztem Donnerstag. Dem Tag, als mein Vater plötzlich verstarb“, sagte sie verständnislos und griff nach dem Revolverblatt.

„Seite vier, Lokales“, instruierte Harry. Frau Rottenheim schlug Seite vier auf, ließ ihre Augen einige Zeit auf der Seite herumirren, bis sie sich an einem Artikel festsogen. „Oh mein Gott.“

„Tja“, sagte Harry, „Wenn sogar so ein Typ es schafft, damit in die Zeitung zu kommen, muss das für Ihren Vater der endgültige Todesstoß gewesen sein.“ Frau Rottenheim ließ die Zeitung sinken. „Sie meinen, das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat?“ Harry nickte bedeutsam. „Ihr Vater wusste, dass er nichts mehr zu gewinnen hatte. Alles was ihm blieb, war seinem Leben ein Ende zu setzen.“ Frau Rottenheim kramte in ihrer Handtasche, zog ein besticktes Taschentuch hervor und betupfte sich die Augen. „Selbstmord?“ Harry lehnte sich vertraulich über den Schreibtisch. „Ich glaube, dass er sich die Treppe hinuntergestürzt hat, nachdem er diese Nachricht gelesen hatte.“

Frau Rottenheim schniefte und bog ihren zierlichen Rücken durch. „Er kann doch auch gestolpert sein, oder?“, machte sie einen letzten Versuch. Harrys Augen blitzen spöttisch auf. Dann sagte er mit milder Stimme, „Haben Sie mal die Treppenstufen im Seniorenstift gezählt? Nun, es sind vierzig. Es gibt leider keinen Zweifel. Was Sie der Versicherung sagen, bleibt Ihnen überlassen.“ Langsam ließ Frau Rottenheim die Zeitung auf den Schreibtisch sinken. Der Artikel landete auf einem noch feuchten Klecks Chinasoße, der sich langsam durch das Papier drückte. Doch die Überschrift war weiterhin gut lesbar:

WELTREKORD! MANN SPIESST 40 AUTOS MIT GABELSTAPLER AUF

„Mein restliches Honorar, bitte“, verlangte Harry, schenkte sich noch einen Kräuterlikör ein und entzündete eine neue Pall Mall. 

Miriam Rürup

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